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»SKÖNE OKE«   VON DER REALITÄT

Website zur Mappenprüfung I von Jakob van der Meulen. Prüfer: Bernd Draser & Elmar Sander,

ecosign /Akademie für Gestaltung Köln, den 04.02.2021.

Prolog

»Seltsamer und wunderlicher kann nichts erfunden werden [...]«, beginnt E. T. A. Hoffmann die Erzählung des Studenten Nathanael, der stets aus der Realität zum Tagtraum und weiter zur Wahnvorstellung zu schlittern scheint, und auch, wenn diese Ergebnissammlung (glücklicherweise) nicht aus einem Kindheitstrauma erwachsen ist, so sind doch einige Arbeiten möglicherweise etwas seltsam und wunderlich. 

 

Was nun folgt, ist eine Odyssee durch die wundersame Welt der Okulare und Perspektive – dem Zustand zwischen Realität und Traum. Zunächst wird mit wissenschaftlich-technischem Ansatz versucht, einen klaren Blick durch die unzähligen Linsen der Kamera zu erlangen, um sich dann dem Rausch der Musik in der eigenen, heimischen Camera hinzugeben. Es folgt ein gestalterischer Höhenflug bis zum Mars, um schließlich am Rock Bottom der digitalen Parallel- und Traumwelt zu verfallen. Wie die Sammlung mit dem Augenklau durch die Film-kamera eröffnet wurde, so schließt sie auch mit einem Produkt der Kinematografie.

 

Genug der schönen Worte, Nathanael würde schreiben:

»Nun soll ich dir sagen, was mir widerfuhr [...]«

Coppelius

Coppelius

In Nathanaels Kindheit führte Coppelius alchemistische Experimente mit Nathanaels Vater durch. Wissenschaft kann Fortschritt bringen, aber ebenso in verhängnisvolle Sackgassen führen – wie für den Vater Nathanaels. Er stirbt bei einem Experiment, was bei Nathanael nachhaltige Schäden hinterlässt.

Einstiegsprojekt

Papierobjekt

Wo Coppelius mit Nathanaels Vater noch am »Herd mit knisternd blauer Flamme« experimentiert, wird heute überm Motorraum geforscht. Führt uns Elektromobilität in die Prosperität oder in eine technologische Sackgasse?
Material: 
Papierwürfel und -prismen
& farbiges Licht
Handyfotografien
Stop-Motion-Animation
(Premiere Pro)
Coppola

Coppola

 Jahre später taucht ein Wetterglashändler in Nathanaels Studentenwohnung auf.

An Coppelius erinnert und die angebotenen Glasgegenständen gänzlich ablehnend, schickt Nathanael ihn verstört hinaus. Als Coppola aber ein zweites Mal erscheint, kauft Nathanael schließlich doch ein Fernglas und gibt sich dessen verzerrenden Bildern gänzlich hin.

Einstiegsprojekt

Corporate Identity

Wie Coppola in Hoffmanns Erzählung Okulare anbietet, so verkauft die gleich-namige Gesellschaft hier Kameraoptiken
für die Filmproduktion. Die Linse (ver-)
zerrt das Licht auf den Film, ein beispiel-loser Augenklau – und eine perfektionierte Illusion, die heute weithin gesellschaftlich akzeptiert ist.  
Auf Filmobjektiven, die nahezu komplett mit Skalen beschriftet sind, ist das mini-malistische Logo auch herunterskaliert noch gut zu erkennen. 
Die Primärschrift spiegelt den technischen Purismus der Produkte wieder.
Material: 
Digitale Vektorgrafiken
Primäre Schriftart:
Futura (Demi-Schnitt)
Sekundäre Schriftart:
Arial (Fließtext)

Produktdesign I 

Brille

So wie Coppola im ersten Beispiel das Blickfeld klaut, so kann Verzerrung – bewusst eingesetzt – auch vorteilhaft genutzt werden.  Die Entzerrung der Linse gibt einen klaren Blick zurück oder dunkelt als Sonnenbrille ein zu helles Blickfeld ab. 
Eine billige Sonnenbrille, im Urlaub gekauft und dort auch direkt wieder entsorgt – dieses Modell ist der Gegenentwurf. Gummi-Draht-Verbindungen an kritischen Stellen leiten den Verformungsdruck in resistente Materialien ab. 
Material: 
Rahmen:
Hartgummi mit Drahtskelett,
Draht und Silikonummantelung

Olimpia

Sie durch das von Coppola gekaufte Okular beobachtend, verliebt sich Nathanael in Olimpia, die Tochter seines Physikprofessors. Durch das Fernglas seiner klaren Sicht beraubt nähert er sich auf einer Studentenfeier Olimpia, die in Wirklichkeit ein Androide – ein Holzpuppe – ist. 

In einem Rausch von Musik, Liebe und Trauma tanzt Nathanael schließlich mit Olimpia,

dem leblosen Tanzautomat, in dem Glauben, sie wäre ihm ebenso zugetan wie er ihr. 

Olimpia

Produktdesign I 

Lautsprecher-Surround-System

Das Lautsprechersystem Olimpia
greift den Charakter der Namens-geberin wieder auf: Umkreist von
6 Lautsprecherboxen im 5.1 Sur-
round-Muster angeordnet, verzaubert die Musik den Zuhörer. Die Wahr-nehmung von verändertem Luft-
druck – als Musik – ist eine weitere
Verzerrung der Realität, erzeugt von
einer mechanischen Konstruktion. 
Klappbare Bodenplatten (bis 90°)
sorgen für Kompatibilität mit
jeglichen räumlichen Gegeben-
heiten und lassen  die Positionierung
an Decke und Wand oder auf Böden und Regalen zu.
Rustikales Design ermöglicht ein einfaches Aufschrauben und Auswechseln der verbauten Teile
und schafft einen einzigartigen Look.    
Material: 
Gehäuse: 
Edelstahl
Chassis: 
eingeschraubt

Spalanzani

Während Nathanael mit Olimpia beschäftigt ist, freut sich Spalanzani, Professor des Protagonisten und Erbauer des Androiden Olimpia, wie überzeugend seine Konstruktion

es schafft, Nathanael in unwirkliche Parallelwelten zu entführen. 

Spalanzani

KD II

Plattencover David Bowie

Das Erschaffen von unwirklichen Parallelrealitäten und täuschend
echten Tagträumen ist Leitmotiv
der folgenden Gestaltungsserie.
 
Wie die Science-Fiction heute das
Motiv des Androiden weiterdenkt entführt auch David Bowie in die
Weiten des Weltalls – bis hin zum
Mars und mit rasanter Fallgeschwin-digkeit wieder zurück zur Erde. 
 
Der spezifische Ansatz hier beruht
auf Kontrasten. So wie die Songs
selbst auch sehr abwechslungsreich
sind, verbildlicht die Gestaltung die Licht- und Schattenseiten des (Rockstar-) Lebens. Den Albumtitel findet der interessierte Vinyl-
Aficionado erst bei näherem
Betrachten.  
Material: 
Modellbau der Szenerien 
(Maßstab 1:200 und 1:15, abgelaufener Gips, Graupappe, Acyrlfarbe) 
Analoge schwarz/weiß Fotografie
(35mm Film)
Digitales Nachkolorieren
(Photoshop)

KD II 

DVD-Cover Black Mirror 

Die Netflix-Serie Black Mirror spielt schon im Titel auf Spiegelung und Verzerrung der Realität an. Dort wo
nun die Konstrukteure der digitalen Welt als Reinkarnation von Professor Spalanzani arbeiten, erschaffen sie Abgründe aber auch unzählige Mög-lichkeiten, welche die einzelnen Folgen der Serie aufzeigen.
Da die Menschlichkeit immer in Bezug zur Digitalität gesetzt wird, findet sich
in der Gestaltung das Organische im digitalen Raster. 
Material: 
Kartoffeldruck
digitale Nachbearbeitung

KD II 

Visitenkarte Wes Anderson 

Auch Wes Anderson tritt das Erbe von Professor Spalanzani an und entführt
in bunte Filmwelten. Er bleibt jedoch ehrlich und macht stets deutlich, dass
man sich in einer Abstraktion der
Realität befindet. 
Dieser verspielte Umgang mit der Wirklichkeit findet sich in der
Gestaltung der Visitenkarte. 
Die Farben sind direkt aus den Filmen entnommen, wie auch die Schriften, so wird die Karte zum Repräsentant der Regisseur-Identität Wes Anderson.  
Die Rückseite präsentiert eine E-Mail-Adresse wie auf einer hellen Kino-
leinwand, im unteren Bildbereich der dunkle Zuschauersaal.
Die amorphen Formen symbolisieren
den ständigen Fluss ungeformter
kreativer Gedanken, auf der entstanden Fläche bleibt Platz, um bei Bedarf noch eine zusätzliche Notiz zu schreiben. 
Material: 
digitale Vektorgrafiken
Schriftarten: 
Ernestine
(Bold Italic- und Demibold-Schnitt)
Futura
(Demi-Schnitt)
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image-w1280.jpg

Nathanael

Der Protagonist der Erzählung bleibt so, zurückgeworfen auf seine eigene Psyche, alleine zurück. Er hat zwar Personen, die ihm Nahe stehen, aber aufgrund seiner traumatischen Kindheitserlebnisse traut er sich kaum, jemanden an sich heran zu lassen. So bleibt er alleine im Regen stehen, was auch schließlich zu seinem Suizid führt.   

Nathanael

Projekt III 

An Liebe vorbei kein Weg geht 

So wie E. T. A. Hoffmann 100
Jahre vor Sigmund Freud eine
packende Erzählung über einen
Studenten schreibt, der von trau-matischen Kindheitserlebnissen
psychisch belastet wird, übernimmt
das gezeigte Filmprojekt diesen
Ansatz und transferiert ihn in die
moderne Zeit.
Material: 
Medium:
Digital (BRAW), Farbe
Aspect Ration:
2:1 (4096 x 2048)
Filmlänge:
20:45:00 min
Kamera:
Blackmagic Pocket
Cinema Camera 6K
Objektive:
Sigma 20/28/40mm 
T1,5 FF Cine Primes;
Canon 70-200mm
T2,8  EF USM Tele

Clara/Epilog

Was bleibt also zurück? In der Erzählung ist es Nathanaels eigentliche große Liebe, Clara, die nun ihrem Verlobten beraubt ist. Entlohnt wird also die klare Sicht und der unverzerrte Blick auf das Leben. Wer jedoch die eigentliche Botschaft des Werks vermittelt ist der kranke Nathanael und nicht Clara, verbrannte Finger (oder Augen) sind schließlich bester Lehrmeister. Die Illusion steht stets über einem, lockend, verführerisch. Das Okular, die Linsen – als Sinnbild für die Verzerrung – bleiben eben, was sie seit jeher waren, täuschende, aber verlockend »Sköne Oke«.

Clara

© Jakob van der Meulen 2021

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